Onlineangebote der ARD: Zu viel Nebeneinander?

“Doppelstrukturen nach Belieben” – so überschreibt die FAZ eine Meldung (nur Printausgabe), die Verschwendung in der ARD erahnen lässt. Es geht um das gemeinsame Portal der ARD. Der rheinland-pfälzische Rechnungshof hat sich die “Haushalts- und Wirtschaftsführung der Gemeinschaftseinrichtung der Landesrundfunkanstalten ARD.de” angesehen – abgestimmt mit seinen Kolleg*innen in Baden-Württemberg.

Die FAZ meldet – auf Basis des epd – unter anderem:

“Der rheinland-pfälzische Landesrechnungshof hat Doppelstrukturen bei den Online-Auftritten der ARD gerügt. Die Rechnungsprüfer bemängeln, dass die federführend vom SWR betreute ARD-Mediathek und die “Das Erste”-Mediathek noch immer parallel zueinander liefen. Trotz Bündelung der Mediatheken auf dem Portal “www.ard.de” unterhielten manche Landessender zudem eigene Parallelangebote. (…) Und sie plädieren dafür, die Online-Aktivitäten der ARD zu begrenzen. Zurzeit könnten die Sender ihr Online-Angebot ‘beliebig erweitern’.”

Das alles klingt dramatischer, als es ist, doch einiges an Nebeneinander muss sich die ARD nach wie vor vorwerfen lassen.

Wichtig: Auch wenn die Ergebnisse erst jetzt veröffentlicht wurden, endete der Prüfzeitraum bereits 2018. Seitdem ist in der ARD viel passiert. Vor allem arbeitet sie an ihrer Digitalstrategie: In einem sogenannten Digitalboard stimmen sich die Anstalten seit Herbst 2018 ab. Anfang 2019 haben die Intendant*innen der ARD zudem eine sogenannte “Big Five”-Strategie verpasst: Im Digitalen soll alles auf fünf Portale zulaufen, auf tagesschau.de, sportschau.de, die übergreifende Media- und die Audiothek sowie den Auftritt des KiKas.

Das klingt angesichts vieler verteilter Angebote nach einer Revolution, doch wie in der ARD üblich, bremst der Föderalismus. Daran hat sich seit dem Prüfzeitraum des Rechnungshofes nur teilweise etwas getan. Der stellte fest:

“So trug der Bayerische Rundfunk nicht die Kosten für die Entwicklung der neuen ARD-Mediathek mit. Der SWR übernahm zusätzliche Personalkosten.”

Auch in der ARD gilt für die Bayern nur allzu oft das Motto “Mia san Mia” – eben auch bei der technischen Infrastruktur. Noch 2017 präsentierte der BR lieber eine neue Mediathek, statt sich der ARD-Lösung anzuschließen. Nach ernsthaftem Einsparungswillen, den die Medienpolitik von den Sendern schon seit Jahren fordert, sah das nicht aus. Und auch heute leistet sich der BR noch für die eigenen Portale eine eigene technische Infrastruktur. Sogar der WDR, der lange ebenfalls auf ein eigenes Angebot setzte, hat sich zuletzt der ARD-Lösung angeschlossen – und in seine Portale eine Art Untermediathek der ARD eingebunden.

Der SWR, der die gemeinsamen Onlineangebote der ARD betreibt, betont allerdings zur gegenwärtigen Lage:

“Alle Häuser zahlen [für die ARD-Mediathek] und noch wichtiger: Alle Häuser machen gezielt Programm für die ARD Mediathek.”

Mit der Wissenschaftsreihe “beta-stories” stelle inzwischen sogar der BR Inhalte zuerst in der ARD-Mediathek online.

Dem Rechnungshof ist außerdem aufgefallen, dass die Redaktion von ARD.de in Mainz und die Redaktion von DasErste.de in München nebeneinander werkelten:

“Der Rechnungshof forderte, die Aufgaben von ARD.de und DasErste.de genau zu erfassen und zu trennen, um Doppelstrukturen zu vermeiden. ARD.de ist für die Onlinekoordination zuständig. Es ist fraglich, ob eine Onlinekoordination, die nicht für die Inhalte zuständig ist, sinnvoll und wirtschaftlich sein kann. (…) Der Rechnungshof schlug vor, eine Zusammenlegung von ARD.de und DasErste.de zu prüfen. Dies könnte zu Synergieeffekten führen.”

Beim SWR heißt es heute dazu, die ARD habe “eine zukunftsorientierte Aufgabenteilung für die ARD-Mediathek und das Gemeinschaftsprogramm entwickelt”. ARD-Online-Chef Benjamin Fischer kümmere sich um das Technische, der frühere Funk-Chef Florian Hager um das Inhaltliche. Hager ist seit 2020 sowohl “Channel Manager” der ARD-Mediathek als auch stellvertretender Programmdirektor des Ersten. Ob die beiden Redaktionen tatsächlich zusammengelegt wurden oder nur an den Pöstchen geschraubt wurde, erklärt der SWR hingegen nicht.

Ein Sichtbares Nebeneinander leistet sich die ARD bis heute jedenfalls bei den Apps: Neben der ARD-Mediathek findet sich in den App-Stores bis heute auch eine App für DasErste. Der Rechnungshof mahnte:

“Der Rechnungshof erkannte auf dem Onlineangebot von ARD.de viele Dopplungen, die zu vermeidbaren Mehrkosten führen. (…) Die Apps ARD-Mediathek und Das Erste-Mediathek sind nicht wie geplant zusammengelegt worden.”

Den Angaben zufolge sollte die App des Ersten also schon bis 2018 verschwunden sein. Ist sie aber nicht. Der SWR erklärt, die Abschaltung der DasErste-App solle nun “im ersten Quartal 2021 erfolgen”, damit die Mediathek der ARD – siehe “Big Five”-Strategie – strategisch gestärkt werde.

Last but not least ging es dem Rechnungshof auch um die Zahl der ARD-Angebote im Netz, wenn man so will, die Expansion der ARD im Digitalen in den vergangenen Jahrzehnten:

“Der Rechnungshof schlug zudem vor, den Umfang der Onlineaktivitäten zu begrenzen. In den Telemedienkonzepten war und ist der Umfang der Angebote nicht konkretisiert. Es ist im Hinblick auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Festlegung des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu überlegen, ob der Umfang der Onlineprogrammangebote der Anstalten im Medienstaatsvertrag präzisiert werden sollte.”

Darauf will sich die ARD nicht einlassen. Die ARD erarbeite zwar laut federführendem SWR gegenwärtig neue Telemedienänderungskonzepte, die die Basis sind für die Aktivitäten der Sender im Netz und laut Medienstaatsvertrag von den jeweiligen Rundfunkräten akzeptiert werden müssen. Allein:

“Eine Begrenzung des Onlineangebots steht dort nicht im Mittelpunkt, denn eine solche Begrenzung ist weder im 22. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (RÄndStV) noch in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Festlegung des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorgegeben. Vielmehr hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum Rundfunkbeitrag von 2018 unterstrichen, dass im Online-Bereich die Bedeutung der besonderen verfassungsrechtlich verankerten Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wächst. Der 22. RÄndStV öffnet Auftragserweiterungen in den Bereichen Online only, Online first, Social Media only und Social Communities, damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese Aufgabe besser ausfüllen kann.”

Titelgrafik: Die “Big Five” der ARD. (Screenshot ard.de)

Sturm auf das Kapitol: Die Liveprobleme von ARD/ZDF – und warum doch nicht alles so schlecht ist

Die Aufregung ist mal wieder groß. Ein Blick in soziale Netzwerke reicht, um auf Fragen und Anmerkungen wie diese zu stoßen, von “Tagesspiegel”-Redakteur Robert Ide:

Und auch der frühere “Tagesschau”-Chef und Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf, merkt süffisant an:

Tatsächlich haben die Hauptkanäle, Erstes und Zweites, ihre Programme geändert. Die ARD ging mit einem “Tagesthemen extra” dazwischen, zog die reguläre Ausgabe vor und verlängerte sie. Auch das ZDF ging rein, mit einem “heute-journal spzial”. Allerdings liefen dort an dem Abend, als Trumpisten das Kapitol enterten, zwischenzeitlich wieder die geplanten Sendungen, in der ARD die Dokumentation “Die Liebe des Hans Albers”,  im ZDF die Dokumentation “Balkan-Style”.

Kurios: Claus Kleber schickte seine Fans (mehr als 300.000), die live nach Washington schauen wollten, zu CNN.

Dabei gab es das Programm, das viele wie auch der frühere ARD-Mitarbeiter Deppendorf suchten: ARD und ZDF waren teilweise über Stunden live. Auf dem gemeinsamen Kanal Phoenix, in Livestreams von “Tagesschau” und “heute” sowie auf Tagesschau24. Was allerdings wie immer fehlte: Offensive Hinweise in den Hauptprogrammen etwa nach dem “Tagesthemen extra” oder in Laufbändern.

Die Angst davor, sich die Quote zu versauen, in dem man das Publikum zu befreundeten Sendern schickt, gehört zu den großen Schwächen der öffentlich-rechtlichen Programmverantwortlichen, vor allem der ARD. Dabei könnte das immer wieder einige Kritik entkräften, zumindest teilweise. Die Quote als Währung verliert ohnehin an Wert. Warum also nicht das Publikum mit klugen, vernetzten Ansätzen für das gesamte öffentlich-rechtliche System gewinnen statt der Idee zu erliegen, es nur im “Flow” eines Kanals zu halten, wo dann der Unmut groß ist?

Die private Konkurrenz konnte sich jedenfalls nicht beklagen:

Gut möglich, dass darunter auch Publikum von ARD und ZDF war, das eine Liveübertragung suchte. Die ARD plant allerdings schon bald Veränderungen:

Live-Experimente der “Tagesschau”

Aber auch sonst lässt sich am Beispiel des 6. Januars 2021 – oder wie jemand auf Twitter schrieb: am 37.12.2020 – noch einiges bemerken zur Krisenfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems. Im Live-Angebot der “Tagesschau” konnte das Publikum zusehen, wie die ARD derzeit experimentiert, um trotz des anhaltenden Sparzwangs Livefähig zu bleiben.

Die Redaktion ARD-aktuell baut jedenfalls seit Ende vergangenen Jahres ihre Live-Kapazitäten aus, um möglichst jederzeit auch außerhalb des Hauptprogramms und vor allem in sozialen Netzwerken auf Sendung gehen zu können. Marcus Bornheim, der Erste Chefredakteur der “Tagesschau”, sagte im September 2020:

“Wir robben uns da so ran. Wir werden auch im September einige technische Probleme, die wir entdeckt haben, versuchen zu lösen. Und dann hoffe ich, dass es spätestens Ende des Jahres, im Prinzip im Herbst, dass wir dann den Hebel umlegen können und dann noch stärker live streamen können.”

Die ARD sagt es nicht laut, aber sie reagiert damit natürlich auch auf die Videoaktivitäten bei “Bild”, das mit vergleichsweise kleinem Besteck – oft mit Smartphones, sonst aus einem eher überschaubaren Studio – längst verlässlich auch stundenlang auf Sendung geht, wenn überraschend eine Lage aufkommt. Dass eine einstige Zeitungsredaktion einem Milliarden schweren TV-System zeigt, wie es (technisch) im Digitalen geht, ist eine peinliche Entwicklung für ARD und ZDF. Das Angebot von “Bild” wird in der Medienszene durchaus anerkannt:

Beim Sturm des Kapitols sah das dreistündige “Tagesschau”-Angebot etwa auf Facebook dann zeitweise so aus: Die aktuellen Bilder liefen über längere Strecken unkommentiert im Stream. Dann schaltete sich ein Mitarbeiter des Social-Media-Teams ein, seinem Hintergrund zufolge mutmaßlich aus dem Homeoffice. Eine Mutprobe? Jedenfalls ordnete er die Bilder kurz ein, verschwand dann aber wieder, um sich die aktuellen Meldungen anzusehen.

Das ist natürlich besser als Nichts. Es zeigt auch, dass die “Tagesschau” mit einfachen Bordmitteln arbeiten kann und will, statt nur mit dem riesigen TV-Apparat wie in den vergangenen Jahrzehnten – im Prinzip wie “Bild”, teilweise noch spartanischer. Eine Dauerlösung kann das mit Blick auf die journalistische Qualität nicht sein. Wie zu hören ist, will ARD-aktuell jedoch bald seine Kapazitäten bei Tagesschau24 neu verteilen und das Studio länger besetzen.

Daniel Bröckerhoff moderiert "ZDFheute live"
Daniel Bröckerhoff moderiert “ZDFheute live” (6.1.2021, Screenshot: zdf.de)

Das ZDF sendete mit “ZDFheute live” ein professionelleres Angebot. Es ist im Vorteil: Fünf Jahre lang hat es mit “heute+” trainiert, das nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Netz mit einer eigenen, bei Großlagen oft erweiterten Ausgabe live sendete. “heute+” wurde 2020 eingestellt. Es war einigen Entscheider*innen wohl zu modern. Moderator Daniel Bröckerhoff liefert nun aber nach dem eingespielten Verfahren Ad-hoc-Sendungen fürs Netz.

Aber müssen eigentlich ARD und ZDF im Netz sowie Tagesschau24 und Phoenix im Programm parallel arbeiten in so einem Moment? Wie so oft liegt die Lösung für die vielen Schwächen, die vor allem bei der ARD augenscheinlich sind, auf der Hand: 1. Kräfte bündeln. 2. Aufeinander verweisen. Bei Sportgroßereignissen wie Olympischen Spielen klappt das doch auch. Warum nicht bei der aktuellen Information?

Update: Der Artikel wurde ergänzt um den Tweet der Mediengruppe RTL zur n-tv-Quote, um den Tweet von Claus Kleber, den Tweet zu den Livestream/sendungs-Einstiegszeiten und den Tweet zu den ARD/Tagesschau-Erklärungen ergänzt.

Titelbild: Livestream von tagesschau.de am 6.1.2021

Debatte über ZDF-Privatisierung: Vorbild Großbritannien?

Das ZDF ist beim Blick auf die absoluten Marktanteile im klassischen Fernsehen seit Jahren das erfolgreichste öffentlich-rechtliche Programm und doch wird es immer wieder infrage gestellt. Der Wirtschaftswissenschaftler Justus Haucap, einst Vorsitzender der Monopolkommission der Bundesregierung, schrieb vor wenigen Tagen in der “Welt am Sonntag”:

“Wir sollten zudem sehr ernsthaft erwägen, das ZDF zu privatisieren und uns auf die ARD als öffentlich-rechtlichen Sender zu konzentrieren, denn eine zweite öffentlich-rechtliche Sendeanstalt ist heute kaum noch notwendig.”

In der FAZ fragt sich auch Herausgeber Carsten Knop “Warum eigentlich kein privates ZDF?” und kommentiert:

“Wer einmal versucht hat, einen Kollegen aus einer solchen Anstalt für eine privat finanzierte Tageszeitung abzuwerben, erlebt sein blaues Wunder. Wer sich allein auf den Tarifvertrag für Redakteure an Tageszeitungen stützen will, wird nie zu einem Abwerbe-Erfolg kommen. Die Gehaltsunterschiede, die es zu überbrücken gilt, sind erheblich. Warum das so sein muss, erschließt sich nicht.”

sowie

“Das ZDF könnte sich als klare private Alternative zur ARD positionieren; natürlich mit demselben hohen journalistischen Qualitätsanspruch, aber schärfer in der Abgrenzung. Und die ARD hätte einen Herausforderer, der das Geschäft beleben könnte.”

Auch Medienjournalist Stefan Niggemeier denkt in diese Richtung:

Niggemeiers Argumentation: Was vor 50 Jahren mal sinnvoll gewesen sei, müsse es heute nicht unbedingt mehr sein – zumal ihm das Vertrauen fehlen würde, dass die Sender an den richtigen Stellen sparten, falls alle gleichermaßen Kürzungen träfen. Dann doch lieber die radikale Operation. Die Konkurrenz von ARD und ZDF beispielsweise mit eigenen Nachrichtensystemen möge “manchmal auch gut sein, aber eigentlich ist es doch der totale Luxus, dass wir uns noch so ein zweites System erlauben”. Natürlich sei es auch schade um Marietta Slomka & Co., doch “die würden auch woanders Jobs finden, wo sie ihre Arbeit machen können”.

Nun notiert auch die “Frankfurter Rundschau” über Gedanken der hessischen FDP.

“Die Partei strebt an, dass das ZDF nicht mehr aus Gebühren bezahlt wird. Denkbar sei eine Privatisierung des Senders, sagte der stellvertretende hessische FDP-Vorsitzende Jürgen Lenders am Donnerstag.”

Allerdings ist die FDP in Hessen aktuell nicht an der Regierung beteiligt. Sie kann über diesen Weg realistischerweise also nicht in die Rundfunkkommission der Länder einwirken. Anders sieht es in Schleswig-Holstein aus. Dort hat die mitregierende FDP ebenfalls nicht nur ein Schrumpfen der ARD gefordert, wie ihr hessischer Kollege, sondern die Frage aufgeworfen, ob es zwei nationale Sender brauche, also ARD und ZDF.

Mehrheitsfähig ist dieser Vorstoß derzeit nicht, aber Dynamiken bergen oft Überraschendes. Das ZDF wird in seinem medienpolitischen Lobbying jedenfalls stets die große Akzeptanz bei den Beitragszahler:innen hochhalten können – dafür hat der Sender sich immer wieder bei der Programmplanung verbogen.

Gleichwohl gäbe es zwischen einem Aus für einen Sender im öffentlich-rechtlichen System und dem Festhalten am Status quo auch eine Zwischenlösung. Hier lohnt – wie in vielen Fällen – ein Blick auf das britische System, genauer: auf Channel 4.

Der Sender hatte 2019 auch bis nach Deutschland für Aufsehen gesorgt, als er Boris Johnson, der nicht an einer Fernsehdebatte über den Klimawandel teilnehmen wollte, kurzerhand mit einer schmelzenden Eisskulptur ersetzte. Für die medienpolitische Diskussion ist aber vor allem die Konstruktion dieser Programmanstalt interessant.

Channel 4 ist ein öffentlich-rechtliches Free-TV-Programm mit entsprechendem Programmauftrag, finanziert sich aber größtenteils über Werbung, digitale Angebote und den Vertrieb eigener Produktionen an Dritte. Vor allem: Der Sender ist eine Aktiengesellschaft, die aber in öffentlicher Hand ist, also dem Staat gehört, ähnlich unserer Bahn. Gewinne muss der Sender in Produktionen investieren. Er stützt damit die Produktionslandschaft.

Das alles hat den Vorteil, dass dieses öffentlich-rechtliche Programm den britischen Gebührenzahler:innen nicht auf der Tasche liegt, aber doch einem öffentlich-rechtlichen Anspruch folgt, auch mit einem besonderen Augenmerk etwa auf Bildungsformate. Da der Sender aber auf viele Werbeeinnahmen angewiesen ist, setzt er wiederum auch auf Formate klassischer Privatsender. So lief auf Channel 4 jahrelang die britische Adaption von “Big Brother”.

Der größte Nachteil dieser Konstruktion ist freilich, dass der Sender genauso klassischen Risiken am freien Markt ausgesetzt ist wie klassische Privatsender. Im aktuellen Geschäftsbericht steht dann auch zum Stichwort Corona:

“At Channel 4, we saw unprecedented declines in advertising revenue in the immediate wake of the virus, with our linear revenues down nearly 50% year-on year in April and May. In response to this, Channel 4’s Executive team moved swiftly to reduce our costs and, working collaboratively with our production partners, introduced innovative ways to continue to produce programmes for our audiences, helping to attract investment back into the market. We announced a package of financial measures in April including a £150m reduction in our content budget and a further £95 million cost savings identified across the rest of the organisation. All Board members volunteered pay cuts of 20% and the 2020 bonus scheme for Executive Directors was suspended. We also further bolstered our immediate liquidity by drawing down our £75 million commercial revolving credit facility.”

Das Privileg, dass die Finanzierung auch in plötzlichen Krisenzeiten mit Rundfunkbeiträgen oder -gebühren weitgehend steht wie bei der BBC oder hierzulande eben bei ARD, ZDF und Deutschlandradio, genießt ein kommerzialisierter öffentlich-rechtlicher Sender eben nicht. Eine Option, um Rundfunkgebühren bzw. -beiträge kleiner zu halten und in einem Teil des Systems die Effizienz zu erhöhen, wäre dieses Modell aber schon. Channel 4 hat etwa den Auftrag, unter den öffentlich-rechtlichen Sendern besonders innovativ zu sein.

Nun hat sich die Politik in Großbritannien aber auch nicht irgendwann dazu durchgerungen, einen bestehenden öffentlich-rechtlichen Sender mal eben zu kommerzialisieren. Channel 4 war von Anfang an so aufgesetzt, schon zum Sendestart 1982. Ob der starke private Markt heute das noch hergeben würde, ist natürlich fraglich. Der Widerstand privater Medienhäuser dürfte heute gewaltig sein. Ein Gedankenspiel ist das Modell aber zweifellos wert.

Stefan Niggemeier hat neben seiner Streichungsfantasie allerdings noch einen Gedanken. Selbst wenn sich mit einem um das ZDF befreiten öffentlich-rechtlichen Apparat der Rundfunkbeitrag um vielleicht drei Euro irgendwas drücken ließe:

“Ich würde sagen: Ja, lasst uns das abschaffen. Aber das Ergebnis, da bin ich mir nicht sicher, ob das eine Befriedung dieser Diskussion wäre.”

Beitragsbild: “Rote Phase – ZDF” by Videopunk is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Update 19.12.2020: Der Text wurde mit dem FAZ-Kommentar von Carsten Knop ergänzt.

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Reaktionen

Beta-Version der “Tagesschau”-Seite: ARD droht neuer Ärger mit Verlagen

  • Die “Tagesschau” hat eine Beta-Version ihres künftigen Digitalauftritts veröffentlicht.
  • Für den Verlegerverband BDZV sind “auf den ersten Blick” Texte zu dominant.
  • Zeitungsverlage prüfen nun und werden “dann sicher auch das Gespräch mit der ARD suchen”.

In der Debatte darüber, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein soll und was nicht, lobbyieren auch private Medien. Verlage, vor allem von Tageszeitungen, haben seit vielen Jahren vor allem ein Problem mit der Digitalpräsenz der “Tagesschau”. Über diese große Schlacht, zu der auch eine Klage gehört, hatte ich u.a. in “Panorama” berichtet. Der Präsident des Verlegerverbandes BDZV und Vorsitzende des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, warnte vor einer “mittelfristig deutliche[n] Schieflage gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland.”

Zuletzt haben sich die Intendant:innen mit den Verlagen im Sommer 2018 geeinigt. Das hat erst nach mehreren Versuchen geklappt und unter Vermittlung der Länder. Das Ergebnis ist eine Überarbeitung des damaligen Rundfunk- und heutigen Medienstaatsvertrags. Dort heißt es nun in § 30 (7):

“Die Telemedienangebote dürfen nicht presseähnlich sein. Sie sind im Schwerpunkt mittels Bewegtbild oder Ton zu gestalten, wobei Text nicht im Vordergrund stehen darf. Angebotsübersichten, Schlagzeilen, Sendungstranskripte, Informationen über die jeweilige Rundfunkanstalt und Maßnahmen zum Zweck der Barrierefreiheit bleiben unberührt. Unberührt bleiben ferner Telemedien, die der Aufbereitung von Inhalten aus einer konkreten Sendung einschließlich Hintergrundinformationen dienen, soweit auf für die jeweilige Sendung genutzte Materialien und Quellen zurückgegriffen wird und diese Angebote thematisch und inhaltlich die Sendung unterstützen, begleiten und aktualisieren, wobei der zeitliche und inhaltliche Bezug zu einer bestimmten Sendung im jeweiligen Telemedienangebot ausgewiesen werden muss. Auch bei Telemedien nach Satz 4 soll nach Möglichkeit eine Einbindung von Bewegtbild oder Ton erfolgen. Zur Anwendung der Sätze 1 bis 5 soll von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den Spitzenverbänden der Presse eine Schlichtungsstelle eingerichtet werden.”

Diese Passage interpretiert jeder Akteur für sich. Teile des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und hier allen voran die “Tagesschau” leiten daraus auch eher weiche Regeln ab, die gerade in der tagesaktuellen Berichterstattung gezielt viel Raum für Texte lassen – solange es den sogenannten Sendungsbezug gibt, den die “Tagesschau” im Zweifel auch in Radiosendern bis hin zum Deutschlandfunk findet und entsprechend unter den einzelnen Texten ausweist.

Verlage sehen wiederum für die Sender die Pflicht, sich bei Texten zurückzuhalten und – wenn sie mehr als eine Meldung, ein Programmtext oder ein Text mit “Wir über uns”-Charakter sind – allenfalls zur barrierefreien Nutzung als Nebenprodukte auf die Seiten zu stellen. Wer in erster Linie Informationen lesen wolle, der solle nun mal auf Verlagsseiten kommen – und dafür bestenfalls zahlen.

In den vergangenen Jahren haben sich Verlage nicht mehr offensiv über öffentlich-rechtliche Textangebote beschwert. Doch nun droht neuer Ärger. Die “Tagesschau” überarbeitet derzeit ihr Angebot. Auf beta.tagesschau.de lässt sie Nutzer:innen in die Zukunft blicken. Flankierend notierte Juliane Leopold, die in der Chefredaktion von ARD-aktuell zuständig ist fürs Digitale, im “Tagesschau”-Blog:

“Video- und Audio-Inhalte wollen wir zeitgemäßer präsentieren […].”

Tatsächlich zeigt ein Vergleich der aktuellen und der avisierten Seite: Der Anteil an Audio/Video hat sich (bislang) nicht verändert. Auf der Startseite verbergen sich die Videos ebenso hinter kleinen Audio/Video-Icons am Rande der Bilder. In den Artikelseiten sind sie ebenso in Texte integriert.

Die künftige tagesschau.de befindet sich wohlgemerkt aber noch in einem Beta-Stadium. Der Mix an Text und Audio/Video kann sich also bis zur finalen Version noch ändern. Leopold schreibt selbst:

“In der Beta-Version ist vieles von dem zu sehen, was die neue tagesschau.de ausmachen soll – auch eine neue, knallige Auszeichnungsfarbe für Live-Inhalte. Manches zeigt die Beta-Version aber noch nicht.”

Und wie sieht der Verlegerverband BDZV aktuell diese Beta-Version des künftigen “Tagesschau”-Angebots? Er nimmt die Überarbeitung offensichtlich zum Anlass, tagesschau.de neu zu bewerten. Eine Sprecherin teilte mir mit:

“Auf den ersten Blick gibt es zu jedem filmisch aufgegriffenen Thema immer auch einen gleichberechtigt angezeigten, umfangreichen Textbeitrag; daneben aber ebenso zahlreiche reine Textbeiträge beziehungsweise Beiträge, bei denen Audio und/oder Video bloß Beiwerk sind. Das werden unsere Mitglieder prüfen und dann sicher auch das Gespräch mit der ARD suchen.”

Interessant an der Debatte ist unter anderem die Frage, wie wichtig Texte für den Erfolg und die Akzeptanz der Angebote sind. Dazu hatte NDR-Onlinejournalist Andrej Reisin seinerzeit – ja, richtig – notiert:

“Was, wenn die Beitragszahler nicht das bekommen, was sie eigentlich erwarten? Wie schon bei den aus Sicht der Nutzer überaus nervigen “Verweildauern” und “Depublikationen” dürfte den meisten nicht bewusst sein, warum öffentlich-rechtliche Beiträge für die sie aus ihrer Sicht bereits bezahlt haben, aus den Mediatheken und Online-Angeboten verschwinden – oder warum der Rundfunk sich im Netz textlich limitiert. Für die ARD wäre es mit Textbeschränkungen in Zukunft sehr viel schwieriger, sich im aktuellen Online-Nachrichtengeschäft zu behaupten.”

Verleger (kein :innen, die BDZV-Spitze ist bislang eine rein männlich Runde) argumentieren wiederum genau andersherum: Hätte die ARD mit Texten zu großen Erfolg, würde wohl kaum einer für die Angebote der Zeitungen im Netz bezahlen. Diese Debatte dürfte nach dem Frieden vor zwei Jahren wieder aufbrechen.

Im Verlegerverband dürfte man auch beobachten, wie tagesschau.de wächst. So wurde etwa das Angebot Boerse.ARD.de gerade integriert. Die “Tagesschau” gehört zudem zu den “Big Five”: den fünf großen Marken (neben der “Sportschau”, Mediathek, Audiothek und dem KiKa), die in der ARD nun zentral sind und gestärkt werden, während andere Marken eher zurückgefahren oder in diese “Big Five” integriert werden. tagesschau.de soll also besonders erfolgreich werden. Und wie sagte schon Döpfners Vorgänger als BDZV-Präsident, der Kölner Verleger Helmut Heinen, in unserem “Panorama”-Beitrag? “Solange sie nicht Platz 10 überschreiten, haben wir nichts dagegen. Aber wenn sie das dann tun sollten, muss endgültig Schluss sein.”

Eher im Verleger-Sinne ist vor allem die Aufbereitung des ZDF auf heute.de mit der Kacheloptik. Der NDR hat bei einem jüngsten Update seines Onlinedesigns zudem Videos prominenter platziert:

Links die heute-Seite des ZDF mit der Kacheloptik, rechts ein prominenter platziertes Video auf einer Artikelseite des NDR.

Vor allem der WDR achtet seit einigen Jahren darauf, dass seine Texte nicht sonderlich lang sind. Auch im Onlineangebot des BR fällt das oft auf. So gilt auch bei der Aufbereitung der Telemedienangebote in der ARD nicht unbedingt der frühere Claim “Wir sind eins”.