Beta-Version der “Tagesschau”-Seite: ARD droht neuer Ärger mit Verlagen

  • Die “Tagesschau” hat eine Beta-Version ihres künftigen Digitalauftritts veröffentlicht.
  • Für den Verlegerverband BDZV sind “auf den ersten Blick” Texte zu dominant.
  • Zeitungsverlage prüfen nun und werden “dann sicher auch das Gespräch mit der ARD suchen”.

In der Debatte darüber, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein soll und was nicht, lobbyieren auch private Medien. Verlage, vor allem von Tageszeitungen, haben seit vielen Jahren vor allem ein Problem mit der Digitalpräsenz der “Tagesschau”. Über diese große Schlacht, zu der auch eine Klage gehört, hatte ich u.a. in “Panorama” berichtet. Der Präsident des Verlegerverbandes BDZV und Vorsitzende des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, warnte vor einer “mittelfristig deutliche[n] Schieflage gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland.”

Zuletzt haben sich die Intendant:innen mit den Verlagen im Sommer 2018 geeinigt. Das hat erst nach mehreren Versuchen geklappt und unter Vermittlung der Länder. Das Ergebnis ist eine Überarbeitung des damaligen Rundfunk- und heutigen Medienstaatsvertrags. Dort heißt es nun in § 30 (7):

“Die Telemedienangebote dürfen nicht presseähnlich sein. Sie sind im Schwerpunkt mittels Bewegtbild oder Ton zu gestalten, wobei Text nicht im Vordergrund stehen darf. Angebotsübersichten, Schlagzeilen, Sendungstranskripte, Informationen über die jeweilige Rundfunkanstalt und Maßnahmen zum Zweck der Barrierefreiheit bleiben unberührt. Unberührt bleiben ferner Telemedien, die der Aufbereitung von Inhalten aus einer konkreten Sendung einschließlich Hintergrundinformationen dienen, soweit auf für die jeweilige Sendung genutzte Materialien und Quellen zurückgegriffen wird und diese Angebote thematisch und inhaltlich die Sendung unterstützen, begleiten und aktualisieren, wobei der zeitliche und inhaltliche Bezug zu einer bestimmten Sendung im jeweiligen Telemedienangebot ausgewiesen werden muss. Auch bei Telemedien nach Satz 4 soll nach Möglichkeit eine Einbindung von Bewegtbild oder Ton erfolgen. Zur Anwendung der Sätze 1 bis 5 soll von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den Spitzenverbänden der Presse eine Schlichtungsstelle eingerichtet werden.”

Diese Passage interpretiert jeder Akteur für sich. Teile des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und hier allen voran die “Tagesschau” leiten daraus auch eher weiche Regeln ab, die gerade in der tagesaktuellen Berichterstattung gezielt viel Raum für Texte lassen – solange es den sogenannten Sendungsbezug gibt, den die “Tagesschau” im Zweifel auch in Radiosendern bis hin zum Deutschlandfunk findet und entsprechend unter den einzelnen Texten ausweist.

Verlage sehen wiederum für die Sender die Pflicht, sich bei Texten zurückzuhalten und – wenn sie mehr als eine Meldung, ein Programmtext oder ein Text mit “Wir über uns”-Charakter sind – allenfalls zur barrierefreien Nutzung als Nebenprodukte auf die Seiten zu stellen. Wer in erster Linie Informationen lesen wolle, der solle nun mal auf Verlagsseiten kommen – und dafür bestenfalls zahlen.

In den vergangenen Jahren haben sich Verlage nicht mehr offensiv über öffentlich-rechtliche Textangebote beschwert. Doch nun droht neuer Ärger. Die “Tagesschau” überarbeitet derzeit ihr Angebot. Auf beta.tagesschau.de lässt sie Nutzer:innen in die Zukunft blicken. Flankierend notierte Juliane Leopold, die in der Chefredaktion von ARD-aktuell zuständig ist fürs Digitale, im “Tagesschau”-Blog:

“Video- und Audio-Inhalte wollen wir zeitgemäßer präsentieren […].”

Tatsächlich zeigt ein Vergleich der aktuellen und der avisierten Seite: Der Anteil an Audio/Video hat sich (bislang) nicht verändert. Auf der Startseite verbergen sich die Videos ebenso hinter kleinen Audio/Video-Icons am Rande der Bilder. In den Artikelseiten sind sie ebenso in Texte integriert.

Die künftige tagesschau.de befindet sich wohlgemerkt aber noch in einem Beta-Stadium. Der Mix an Text und Audio/Video kann sich also bis zur finalen Version noch ändern. Leopold schreibt selbst:

“In der Beta-Version ist vieles von dem zu sehen, was die neue tagesschau.de ausmachen soll – auch eine neue, knallige Auszeichnungsfarbe für Live-Inhalte. Manches zeigt die Beta-Version aber noch nicht.”

Und wie sieht der Verlegerverband BDZV aktuell diese Beta-Version des künftigen “Tagesschau”-Angebots? Er nimmt die Überarbeitung offensichtlich zum Anlass, tagesschau.de neu zu bewerten. Eine Sprecherin teilte mir mit:

“Auf den ersten Blick gibt es zu jedem filmisch aufgegriffenen Thema immer auch einen gleichberechtigt angezeigten, umfangreichen Textbeitrag; daneben aber ebenso zahlreiche reine Textbeiträge beziehungsweise Beiträge, bei denen Audio und/oder Video bloß Beiwerk sind. Das werden unsere Mitglieder prüfen und dann sicher auch das Gespräch mit der ARD suchen.”

Interessant an der Debatte ist unter anderem die Frage, wie wichtig Texte für den Erfolg und die Akzeptanz der Angebote sind. Dazu hatte NDR-Onlinejournalist Andrej Reisin seinerzeit – ja, richtig – notiert:

“Was, wenn die Beitragszahler nicht das bekommen, was sie eigentlich erwarten? Wie schon bei den aus Sicht der Nutzer überaus nervigen “Verweildauern” und “Depublikationen” dürfte den meisten nicht bewusst sein, warum öffentlich-rechtliche Beiträge für die sie aus ihrer Sicht bereits bezahlt haben, aus den Mediatheken und Online-Angeboten verschwinden – oder warum der Rundfunk sich im Netz textlich limitiert. Für die ARD wäre es mit Textbeschränkungen in Zukunft sehr viel schwieriger, sich im aktuellen Online-Nachrichtengeschäft zu behaupten.”

Verleger (kein :innen, die BDZV-Spitze ist bislang eine rein männlich Runde) argumentieren wiederum genau andersherum: Hätte die ARD mit Texten zu großen Erfolg, würde wohl kaum einer für die Angebote der Zeitungen im Netz bezahlen. Diese Debatte dürfte nach dem Frieden vor zwei Jahren wieder aufbrechen.

Im Verlegerverband dürfte man auch beobachten, wie tagesschau.de wächst. So wurde etwa das Angebot Boerse.ARD.de gerade integriert. Die “Tagesschau” gehört zudem zu den “Big Five”: den fünf großen Marken (neben der “Sportschau”, Mediathek, Audiothek und dem KiKa), die in der ARD nun zentral sind und gestärkt werden, während andere Marken eher zurückgefahren oder in diese “Big Five” integriert werden. tagesschau.de soll also besonders erfolgreich werden. Und wie sagte schon Döpfners Vorgänger als BDZV-Präsident, der Kölner Verleger Helmut Heinen, in unserem “Panorama”-Beitrag? “Solange sie nicht Platz 10 überschreiten, haben wir nichts dagegen. Aber wenn sie das dann tun sollten, muss endgültig Schluss sein.”

Eher im Verleger-Sinne ist vor allem die Aufbereitung des ZDF auf heute.de mit der Kacheloptik. Der NDR hat bei einem jüngsten Update seines Onlinedesigns zudem Videos prominenter platziert:

Links die heute-Seite des ZDF mit der Kacheloptik, rechts ein prominenter platziertes Video auf einer Artikelseite des NDR.

Vor allem der WDR achtet seit einigen Jahren darauf, dass seine Texte nicht sonderlich lang sind. Auch im Onlineangebot des BR fällt das oft auf. So gilt auch bei der Aufbereitung der Telemedienangebote in der ARD nicht unbedingt der frühere Claim “Wir sind eins”.