Onlineangebote der ARD: Zu viel Nebeneinander?

“Doppelstrukturen nach Belieben” – so überschreibt die FAZ eine Meldung (nur Printausgabe), die Verschwendung in der ARD erahnen lässt. Es geht um das gemeinsame Portal der ARD. Der rheinland-pfälzische Rechnungshof hat sich die “Haushalts- und Wirtschaftsführung der Gemeinschaftseinrichtung der Landesrundfunkanstalten ARD.de” angesehen – abgestimmt mit seinen Kolleg*innen in Baden-Württemberg.

Die FAZ meldet – auf Basis des epd – unter anderem:

“Der rheinland-pfälzische Landesrechnungshof hat Doppelstrukturen bei den Online-Auftritten der ARD gerügt. Die Rechnungsprüfer bemängeln, dass die federführend vom SWR betreute ARD-Mediathek und die “Das Erste”-Mediathek noch immer parallel zueinander liefen. Trotz Bündelung der Mediatheken auf dem Portal “www.ard.de” unterhielten manche Landessender zudem eigene Parallelangebote. (…) Und sie plädieren dafür, die Online-Aktivitäten der ARD zu begrenzen. Zurzeit könnten die Sender ihr Online-Angebot ‘beliebig erweitern’.”

Das alles klingt dramatischer, als es ist, doch einiges an Nebeneinander muss sich die ARD nach wie vor vorwerfen lassen.

Wichtig: Auch wenn die Ergebnisse erst jetzt veröffentlicht wurden, endete der Prüfzeitraum bereits 2018. Seitdem ist in der ARD viel passiert. Vor allem arbeitet sie an ihrer Digitalstrategie: In einem sogenannten Digitalboard stimmen sich die Anstalten seit Herbst 2018 ab. Anfang 2019 haben die Intendant*innen der ARD zudem eine sogenannte “Big Five”-Strategie verpasst: Im Digitalen soll alles auf fünf Portale zulaufen, auf tagesschau.de, sportschau.de, die übergreifende Media- und die Audiothek sowie den Auftritt des KiKas.

Das klingt angesichts vieler verteilter Angebote nach einer Revolution, doch wie in der ARD üblich, bremst der Föderalismus. Daran hat sich seit dem Prüfzeitraum des Rechnungshofes nur teilweise etwas getan. Der stellte fest:

“So trug der Bayerische Rundfunk nicht die Kosten für die Entwicklung der neuen ARD-Mediathek mit. Der SWR übernahm zusätzliche Personalkosten.”

Auch in der ARD gilt für die Bayern nur allzu oft das Motto “Mia san Mia” – eben auch bei der technischen Infrastruktur. Noch 2017 präsentierte der BR lieber eine neue Mediathek, statt sich der ARD-Lösung anzuschließen. Nach ernsthaftem Einsparungswillen, den die Medienpolitik von den Sendern schon seit Jahren fordert, sah das nicht aus. Und auch heute leistet sich der BR noch für die eigenen Portale eine eigene technische Infrastruktur. Sogar der WDR, der lange ebenfalls auf ein eigenes Angebot setzte, hat sich zuletzt der ARD-Lösung angeschlossen – und in seine Portale eine Art Untermediathek der ARD eingebunden.

Der SWR, der die gemeinsamen Onlineangebote der ARD betreibt, betont allerdings zur gegenwärtigen Lage:

“Alle Häuser zahlen [für die ARD-Mediathek] und noch wichtiger: Alle Häuser machen gezielt Programm für die ARD Mediathek.”

Mit der Wissenschaftsreihe “beta-stories” stelle inzwischen sogar der BR Inhalte zuerst in der ARD-Mediathek online.

Dem Rechnungshof ist außerdem aufgefallen, dass die Redaktion von ARD.de in Mainz und die Redaktion von DasErste.de in München nebeneinander werkelten:

“Der Rechnungshof forderte, die Aufgaben von ARD.de und DasErste.de genau zu erfassen und zu trennen, um Doppelstrukturen zu vermeiden. ARD.de ist für die Onlinekoordination zuständig. Es ist fraglich, ob eine Onlinekoordination, die nicht für die Inhalte zuständig ist, sinnvoll und wirtschaftlich sein kann. (…) Der Rechnungshof schlug vor, eine Zusammenlegung von ARD.de und DasErste.de zu prüfen. Dies könnte zu Synergieeffekten führen.”

Beim SWR heißt es heute dazu, die ARD habe “eine zukunftsorientierte Aufgabenteilung für die ARD-Mediathek und das Gemeinschaftsprogramm entwickelt”. ARD-Online-Chef Benjamin Fischer kümmere sich um das Technische, der frühere Funk-Chef Florian Hager um das Inhaltliche. Hager ist seit 2020 sowohl “Channel Manager” der ARD-Mediathek als auch stellvertretender Programmdirektor des Ersten. Ob die beiden Redaktionen tatsächlich zusammengelegt wurden oder nur an den Pöstchen geschraubt wurde, erklärt der SWR hingegen nicht.

Ein Sichtbares Nebeneinander leistet sich die ARD bis heute jedenfalls bei den Apps: Neben der ARD-Mediathek findet sich in den App-Stores bis heute auch eine App für DasErste. Der Rechnungshof mahnte:

“Der Rechnungshof erkannte auf dem Onlineangebot von ARD.de viele Dopplungen, die zu vermeidbaren Mehrkosten führen. (…) Die Apps ARD-Mediathek und Das Erste-Mediathek sind nicht wie geplant zusammengelegt worden.”

Den Angaben zufolge sollte die App des Ersten also schon bis 2018 verschwunden sein. Ist sie aber nicht. Der SWR erklärt, die Abschaltung der DasErste-App solle nun “im ersten Quartal 2021 erfolgen”, damit die Mediathek der ARD – siehe “Big Five”-Strategie – strategisch gestärkt werde.

Last but not least ging es dem Rechnungshof auch um die Zahl der ARD-Angebote im Netz, wenn man so will, die Expansion der ARD im Digitalen in den vergangenen Jahrzehnten:

“Der Rechnungshof schlug zudem vor, den Umfang der Onlineaktivitäten zu begrenzen. In den Telemedienkonzepten war und ist der Umfang der Angebote nicht konkretisiert. Es ist im Hinblick auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Festlegung des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu überlegen, ob der Umfang der Onlineprogrammangebote der Anstalten im Medienstaatsvertrag präzisiert werden sollte.”

Darauf will sich die ARD nicht einlassen. Die ARD erarbeite zwar laut federführendem SWR gegenwärtig neue Telemedienänderungskonzepte, die die Basis sind für die Aktivitäten der Sender im Netz und laut Medienstaatsvertrag von den jeweiligen Rundfunkräten akzeptiert werden müssen. Allein:

“Eine Begrenzung des Onlineangebots steht dort nicht im Mittelpunkt, denn eine solche Begrenzung ist weder im 22. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (RÄndStV) noch in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Festlegung des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorgegeben. Vielmehr hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum Rundfunkbeitrag von 2018 unterstrichen, dass im Online-Bereich die Bedeutung der besonderen verfassungsrechtlich verankerten Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wächst. Der 22. RÄndStV öffnet Auftragserweiterungen in den Bereichen Online only, Online first, Social Media only und Social Communities, damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese Aufgabe besser ausfüllen kann.”

Titelgrafik: Die “Big Five” der ARD. (Screenshot ard.de)