“Bedingt sendefähig”? ARD baut Tagesschau24 aus

Auch der “Spiegel” beschäftigt sich in einer Ad-hoc-Recherche mit der Berichterstattung von ARD und ZDF über den Sturm auf das US-Kapitol. Die Menschen treibt das um: Es ist aktuell der 3. meistgelesene Artikel auf spiegel.de – aber ist er auch auch fair? Im Netz wird er unter anderem so kommentiert:

Diese Debatten wiederholen sich zudem. Sie kommen praktisch bei jeder plötzlichen Lage auf, zumal in Randzeiten am späteren Abend. Es hat sie gegeben, etwa nach dem Putschversuch in der Türkei oder dem Brand von Notre-Dame. Viele wünschen sich, dass ein Milliarden schweres System, für das praktisch alle bezahlen müssen, ein gutes Angebot macht, wenn etwas auf der Welt passiert. Der Ruf nach einem öffentlich-rechtlichen Newskanal ist laut und hält schon lange an – auch trotz der Möglichkeiten des Internets.

Nicht alles, aber einiges hat damit zu tun, dass der Spartensender Tagesschau24 nie als vollwertiger Nachrichtenkanal mit 24/7-Modus angelegt war, sondern als Verlängerung der “Tagesschau” im Ersten und als audiovisuelle Zulieferung des “Tagesschau”-Digitalauftritts. Das hat mit Entscheidungen in der ARD zu tun – es müssten alle Landesrundfunkanstalten mehr Geld abgeben für die Gemeinschaftseinrichtung ARD-aktuell – und dem Lobbying der Privatsender, die n-tv und Welt (früher N24) bedroht sehen.

Die ARD arbeitet zudem oft nach dem Prinzip “Gut Ding will Weile haben”. Dieses Prinzip greift nun, zum Teil wenigstens. Auf eine Anfrage, die ich für ZAPP gestellt habe, erklärte der NDR, bei dem ARD-aktuell sitzt:

“Die Studiopräsenz von Tagesschau24 wird ab Montag, den 18. Januar 2021 im Hauptabend erweitert. Künftig wird der Nachrichtenkanal bis zum Beginn der ‘tagesthemen’-Sendung im Ersten mit einer/m Moderator*in und zwei Redakteur*innen besetzt und sendefähig sein. Damit können wir künftig in Breaking News-Fällen noch schneller reagieren und ein umfassendes Programmangebot im linearen Fernsehen anbieten. Darüber hinaus werden wir mit diesem Team eine weitere ‘tagesschau’-Ausgabe gegen 21:30 Uhr ausstrahlen.”

Außerdem heißt es seitens der Programmdirektion des Ersten zur Frage, warum nicht im Hauptprogramm auf Phoenix und Tagesschau24 (der Kanal sendete zumindest rudimentär, teils mit unkommentierten Bildern) verwiesen wurde:

“Ja, dieser Hinweis wäre gestern Abend richtig gewesen.”

Sturm auf das Kapitol: Die Liveprobleme von ARD/ZDF – und warum doch nicht alles so schlecht ist

Die Aufregung ist mal wieder groß. Ein Blick in soziale Netzwerke reicht, um auf Fragen und Anmerkungen wie diese zu stoßen, von “Tagesspiegel”-Redakteur Robert Ide:

Und auch der frühere “Tagesschau”-Chef und Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf, merkt süffisant an:

Tatsächlich haben die Hauptkanäle, Erstes und Zweites, ihre Programme geändert. Die ARD ging mit einem “Tagesthemen extra” dazwischen, zog die reguläre Ausgabe vor und verlängerte sie. Auch das ZDF ging rein, mit einem “heute-journal spzial”. Allerdings liefen dort an dem Abend, als Trumpisten das Kapitol enterten, zwischenzeitlich wieder die geplanten Sendungen, in der ARD die Dokumentation “Die Liebe des Hans Albers”,  im ZDF die Dokumentation “Balkan-Style”.

Kurios: Claus Kleber schickte seine Fans (mehr als 300.000), die live nach Washington schauen wollten, zu CNN.

Dabei gab es das Programm, das viele wie auch der frühere ARD-Mitarbeiter Deppendorf suchten: ARD und ZDF waren teilweise über Stunden live. Auf dem gemeinsamen Kanal Phoenix, in Livestreams von “Tagesschau” und “heute” sowie auf Tagesschau24. Was allerdings wie immer fehlte: Offensive Hinweise in den Hauptprogrammen etwa nach dem “Tagesthemen extra” oder in Laufbändern.

Die Angst davor, sich die Quote zu versauen, in dem man das Publikum zu befreundeten Sendern schickt, gehört zu den großen Schwächen der öffentlich-rechtlichen Programmverantwortlichen, vor allem der ARD. Dabei könnte das immer wieder einige Kritik entkräften, zumindest teilweise. Die Quote als Währung verliert ohnehin an Wert. Warum also nicht das Publikum mit klugen, vernetzten Ansätzen für das gesamte öffentlich-rechtliche System gewinnen statt der Idee zu erliegen, es nur im “Flow” eines Kanals zu halten, wo dann der Unmut groß ist?

Die private Konkurrenz konnte sich jedenfalls nicht beklagen:

Gut möglich, dass darunter auch Publikum von ARD und ZDF war, das eine Liveübertragung suchte. Die ARD plant allerdings schon bald Veränderungen:

Live-Experimente der “Tagesschau”

Aber auch sonst lässt sich am Beispiel des 6. Januars 2021 – oder wie jemand auf Twitter schrieb: am 37.12.2020 – noch einiges bemerken zur Krisenfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems. Im Live-Angebot der “Tagesschau” konnte das Publikum zusehen, wie die ARD derzeit experimentiert, um trotz des anhaltenden Sparzwangs Livefähig zu bleiben.

Die Redaktion ARD-aktuell baut jedenfalls seit Ende vergangenen Jahres ihre Live-Kapazitäten aus, um möglichst jederzeit auch außerhalb des Hauptprogramms und vor allem in sozialen Netzwerken auf Sendung gehen zu können. Marcus Bornheim, der Erste Chefredakteur der “Tagesschau”, sagte im September 2020:

“Wir robben uns da so ran. Wir werden auch im September einige technische Probleme, die wir entdeckt haben, versuchen zu lösen. Und dann hoffe ich, dass es spätestens Ende des Jahres, im Prinzip im Herbst, dass wir dann den Hebel umlegen können und dann noch stärker live streamen können.”

Die ARD sagt es nicht laut, aber sie reagiert damit natürlich auch auf die Videoaktivitäten bei “Bild”, das mit vergleichsweise kleinem Besteck – oft mit Smartphones, sonst aus einem eher überschaubaren Studio – längst verlässlich auch stundenlang auf Sendung geht, wenn überraschend eine Lage aufkommt. Dass eine einstige Zeitungsredaktion einem Milliarden schweren TV-System zeigt, wie es (technisch) im Digitalen geht, ist eine peinliche Entwicklung für ARD und ZDF. Das Angebot von “Bild” wird in der Medienszene durchaus anerkannt:

Beim Sturm des Kapitols sah das dreistündige “Tagesschau”-Angebot etwa auf Facebook dann zeitweise so aus: Die aktuellen Bilder liefen über längere Strecken unkommentiert im Stream. Dann schaltete sich ein Mitarbeiter des Social-Media-Teams ein, seinem Hintergrund zufolge mutmaßlich aus dem Homeoffice. Eine Mutprobe? Jedenfalls ordnete er die Bilder kurz ein, verschwand dann aber wieder, um sich die aktuellen Meldungen anzusehen.

Das ist natürlich besser als Nichts. Es zeigt auch, dass die “Tagesschau” mit einfachen Bordmitteln arbeiten kann und will, statt nur mit dem riesigen TV-Apparat wie in den vergangenen Jahrzehnten – im Prinzip wie “Bild”, teilweise noch spartanischer. Eine Dauerlösung kann das mit Blick auf die journalistische Qualität nicht sein. Wie zu hören ist, will ARD-aktuell jedoch bald seine Kapazitäten bei Tagesschau24 neu verteilen und das Studio länger besetzen.

Daniel Bröckerhoff moderiert "ZDFheute live"
Daniel Bröckerhoff moderiert “ZDFheute live” (6.1.2021, Screenshot: zdf.de)

Das ZDF sendete mit “ZDFheute live” ein professionelleres Angebot. Es ist im Vorteil: Fünf Jahre lang hat es mit “heute+” trainiert, das nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Netz mit einer eigenen, bei Großlagen oft erweiterten Ausgabe live sendete. “heute+” wurde 2020 eingestellt. Es war einigen Entscheider*innen wohl zu modern. Moderator Daniel Bröckerhoff liefert nun aber nach dem eingespielten Verfahren Ad-hoc-Sendungen fürs Netz.

Aber müssen eigentlich ARD und ZDF im Netz sowie Tagesschau24 und Phoenix im Programm parallel arbeiten in so einem Moment? Wie so oft liegt die Lösung für die vielen Schwächen, die vor allem bei der ARD augenscheinlich sind, auf der Hand: 1. Kräfte bündeln. 2. Aufeinander verweisen. Bei Sportgroßereignissen wie Olympischen Spielen klappt das doch auch. Warum nicht bei der aktuellen Information?

Update: Der Artikel wurde ergänzt um den Tweet der Mediengruppe RTL zur n-tv-Quote, um den Tweet von Claus Kleber, den Tweet zu den Livestream/sendungs-Einstiegszeiten und den Tweet zu den ARD/Tagesschau-Erklärungen ergänzt.

Titelbild: Livestream von tagesschau.de am 6.1.2021

Presseschau 6.1.2021: Schulfernsehen, Rundfunkbeitrag in Sachsen, Tagesschau-Quoten

BREAKING BBC:
“The BBC is to deliver the biggest education offer in its history across more of its platforms.”

14 Stunden nachdem Fernsehkritiker Scott Bryan diesen Tweet absetzte, hatte er bereits 13.000 Retweets und 66.000 “Gefällt mir”-Klicks gesammelt. Die BBC startet eine Offensive beim Schulfernsehen: Das Kinderprogramm CBBC wird jeden Tag drei Stunden für Grundschüler*innen senden. Dazu kommen auf BBC Two Inhalte für all die Schüler*innen, die für den GCSE-Abschluss büffeln, praktisch der Mittleren Reife. Die BBC versorgt sie mit zwei Stunden Programm, jeden Tag. “Die BBC liefert die größte Bildungsoffensive in ihrer Geschichte”, meldet die Anstalt selbst.

Diese Nachricht schwappte prompt auch nach Deutschland – und löste die Forderung aus, dass die hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender nachziehen. So schrieb Dirk von Gehlen (“Süddeutsche Zeitung”):

Einzelne Kanäle der ARD wiesen sodann darauf hin, dass es auch hierzulande bereits im Frühjahr 2020 eine Offensive gab:

Neben Angeboten einzelner ARD-Sender bündelt tatsächlich auch die ARD-Mediathek entsprechende Angebote. Auch das ZDF hat ein “Virtuelles Klassenzimmer” gestartet. Allein: Ein opulentes, auch frisches Angebot im Fernsehen lassen die deutschen Öffentlich-Rechtlichen vermissen. Dabei, sagen Externe wie Mitarbeitende, wäre das eine Chance:

Wie so oft scheint im öffentlich-rechtlichen Kosmos vieles vorhanden zu sein, für manch einen aber zu versteckt. Jetzt, wo die Länder die Präsenz in den Schulen über weitere Wochen untersagen, wäre die Gelegenheit für eine koordinierte Aktion nun wirklich günstig, die auch die Kraft der Sender jenseits sportlicher Großereignisse oder Schirach-Projekte zeigt. Das würde offensichtlich auch den großen Kritikern der CDU gefallen, die bereits im Herbst 2020 gefordert haben: ARD und ZDF sollten “Bildungsangebote als wichtiges außerschulisches Instrument stärker nutzen”.

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“Wir haben nicht nur ‘abgenickt’, sondern stellen Bedingungen und fordern deutlich mehr Mitsprache”: Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) erklärt, warum im Dresdner Parlament – anders als in Magdeburg für Sachsen-Anhalt – mehrheitlich auch mit seiner Partei für die Erhöhung des Rundfunkbeitrags gestimmt wurde. Im Interview [€] mit Andreas Debski von der “Leipziger Volkszeitung” betont Rößler:

“Wir müssen zwingend über den Auftrag, die Struktur und die Beitragsstabilität der öffentlich-rechtlichen Sender reden. Die Debatte zum Medienstaatsvertrag in Sachsen-Anhalt hat Bewegung in die inhaltliche Diskussion gebracht, die wir mit den Sendern führen sollten und nicht gegeneinander.”

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Dass es dem Öffentlich-Rechtlichen im Allgemeinen nicht an Zuspruch mangelt, hat er nicht zuletzt der “Tagesschau” zu verdanken. Im Corona-Jahr 2020 schauten die “20 Uhr” im Schnitt 11,78 Millionen Zuschauer und damit fast zwei Millionen mehr als noch 2019, meldet etwa DWDL auf Basis des NDR und erklärt: Grob die Hälfte schaut im Ersten, grob die andere Hälfte in den Dritten oder auf 3sat, Phoenix oder Tagesschau24 zu. Der Marktanteil lag bei knapp 40 Prozent. Zum Vergleich: Die “19 Uhr” der “heute” im ZDF sahen 4,6 Millionen, “RTL aktuell” um 18.45 Uhr 3,2 Millionen Menschen. Die “Tagesschau” lag auch bei den Jungen und ganz Jungen (14-29 Jahren) vorn.