Presseschau 4.1.2021: Text-Streit, Impfstoff-Berichterstattung, Union, Migrant*innen

Ein befriedet geglaubter medienpolitischer Streit zieht wieder auf: Verlage stören sich weiter an Texten von der “Tagesschau” – nun anlässlich eines geplante Redesigns [Archiv], bei dem Texte nicht aus-, aber augenscheinlich auch nicht zurückgebaut werden. Jörg Wagner und ich haben im radioeins-“Medienmagazin” mit Juliane Leopold darüber gesprochen [Transkript + Audio], der Digital-Chefredakteurin der “Tagesschau”. Sie erinnert an die Entwicklungsgarantie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und an den Informationsauftrag und findet die Kritik mehr denn je aus der Zeit gefallen:

“(…) Ich finde das wirklich gefährlich, weil es gibt eine Bestands- und Entwicklungsgarantie. Es gibt einen Auftrag. Gerade die Information ist der Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Und wo kommen wir hin, wenn wir an diesem Auftrag rütteln, weil wir kleinkrämerisch – ich sag jetzt mal – Buchstaben zählen auf einer Website?!”

Leopold erklärte, dass Nutzer*innen zunehmend Hintergründe suchten und auch Faktenchecks eine prominente Rolle spielten. Dafür bräuchte es nun mal Texte, auch künftig:

“Wer geht denn los in der Redaktion und legt ein ‘Content-Raster’ über den Informationswunsch oder den Informationsbedarf der Menschen? Und mal auf der anderen Seite gefragt: Wäre es denn zielführend, wenn die Verlage dies täten? Also eine ‘Bild’, die jetzt experimentiert im Bereich Fernsehen, geht ja auch raus aus ihren – sag ich mal – sehr traditionellen Wegen und bietet einfach Inhalt so an, wie sie glaubt, die Menschen bestmöglich zu erreichen. Und das ist nachvollziehbar. Und nichts anderes möchten wir tun.”

Medienpolitisch ist das Argument, dass Verlage ja auch in den Bereich des Rundfunks vorstoßen, eher ein schwaches: Privatmedien dürfen sich frei entfalten und ihre Geschäftsmodelle suchen – aus traditionellen Verlagen werden Medienkonzerne, so auch Axel Springer mit “Bild” und zuvor bereits mit “Welt”. Reguliert wird vielmehr der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der den Privaten Luft zum Atmen lassen muss – gleichwohl aber mit der Zeit gehen darf, das hat, wie Leopold richtigerweise anmerkt, wiederum auch das Bundesverfassungsgericht den Sendern mit der sogenannten Bestands- und Entwicklungsgarantie zugestanden.

Sollten die Verlage bei ihrer Kritik bleiben, dann können sie eine Schlichtungsstelle anrufen, in der Verleger Bedenken bei allzu textlastigen Webseiten anmelden können und Intendant*innen wie Verleger*innen einen Kompromiss suchen müssten. Diese Option hat die Medienpolitik 2018 im damaligen Rundfunk- und heutigen Medienstaatsvertrag verankert. Die ARD teilt auf Anfrage mit, dass die Schlichtungsstelle bislang kein einziges Mal aktiviert wurde. 2021 könnte in dieser Hinsicht also ein Premierenjahr werden.

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Die Corona-Krise bringt den öffentlich-rechtlichen Zulauf, aber auch deutliche Kritik an der Berichterstattung ein. So hatten beispielsweise die Dritten 2020 so viele Zuschauer*innen wie zuletzt vor zehn Jahren, meldet u.a. die SZ. Demnach haben durchschnittlich täglich 24,8 Millionen Menschen einen der Sender eingeschaltet – vom BR Fernsehen bis zum WDR Fernsehen. ARD-Vorsitzender Tom Buhrow nutzte diesen Zeitpunkt offensichtlich, um eine medienpolitische Botschaft abzusenden an all diejenigen, die gerne die Dritten kürzen oder gar streichen wollen:

“Die Zahlen zeigen (…), dass die Zuschauerinnen und Zuschauer schätzen, wie wir in der ARD unsere regionalen Programme weiterentwickelt und modernisiert haben.”

Aber wie ist die Corona-Berichterstattung der Sender, auch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt? Nach dem Geschmack von “Bild” zu oft zu regierungsfreundlich. “Wie ARD und ZDF den Impf-Fehlstart beklatschen”, schlagzeilt die Boulevardzeitung (in Print auf Seite 2) und greift vor allem den Brüsseler ZDF-Korrespondenten Stefan Leifert an. Der hatte zur Impfstoff-Debatte getwittert:

“Bild” beobachtet:

“Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) teilte gleich alle zehn Twitter-Beiträge von Leifert auf seiner eigenen Seite. Und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (59) bejubelte die ‘Fakten’ des ZDF-Journalisten (…).”

ARD-Talkerin Anne Will habe den Tweet zudem “mit einem begeisterten Applaus-Symbol” geteilt – die wiederum auch in der von “Bild” angemerkten Winterpause reagiert:

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Nachgereicht sei noch eine Recherche aus der Weihnachtsausgabe der “Welt am Sonntag”. Reporter Claus Christian Malzahn, der einige ostdeutsche Länder abdeckt, und Chefredakteur Johannes Boie, der einst für die Medienseite der “Süddeutschen” gearbeitet hat, haben sich in der Union umgehört. Die Print-Schlagzeile ist das Ergebnis: “CDU entzweit über Umgang mit Öffentlich-Rechtlichen”.

Malzahn und Boie gehen noch mal auf die Idee zurück, die in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) von CDU und CSU aufkam, aber dann schnell als Einzelmeinung abgetan wurde: Unterhaltung weg, Sport deutlich kürzen, nur eine Anstalt solle am Ende übrig bleiben, das ZDF womöglich einfach privatisiert werden.

“Gut möglich, dass das vorläufige Ende der Debatte von oben verordnet wurde”, spekulieren die Autoren. “Die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer verurteilt intern den Stopp der Gebührenerhöhung.”

Malzahn und Boie listen sodann Stimmen auf, die den Rundfunk ebenfalls nicht klein fahren wollen, wie Volker Kauder. Andererseits sammelt das Autorenduo aber auch Stimmen und Hinweise ein, die darauf hindeuten, dass nach AfD und FDP nun auch die Union in immer größeren Teilen an einem Rückbau oder einer radikal neuen Prioritätensetzung arbeiten will:

“Die MIT wurde in ihrem Vorstoß gestoppt, nicht mal die Diskussionsgrundlage konnte bislang verabschiedet werden. Im Januar soll darüber erneut gesprochen werden.”

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor sagte der WamS:

“Die Grundzüge unseres Rundfunkverfassungsrechts stammen aus einer Zeit, in der Frequenzen knapp und die Bereitstellung eines Rundfunkprogramms finanziell sehr aufwendig waren.”

Nun ließen sich “gute Argumente für eine Umstellung der Subventionierung” finden, und zwar weg von einzelnen Sendern hin zu einer “Förderung von Formaten und Inhalten”, zitiert ihn die WamS weiter. Christoph Ploß, der die CDU in Hamburg führt, will Sport und Unterhaltung den Privaten überlassen. Und Mario Voigt, CDU-Fraktionschef in Thüringen, kritisiert als weitere Stimme nach den CDU-Politikerin in Sachsen-Anhalt [Archiv, auch “Welt”] die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen über den Osten. Es solle “konsequent aus einer Perspektive” berichtet werden, die “der Lebenswirklichkeit vor Ort” entspreche.

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“Die Öffentlich-Rechtlichen und die Migrationsgesellschaft” heißt ein Radiofeature, das zeigt, dass die Sender auch ziemlich selbstkritisch sein können – wenn auch wie gewohnt nur in der Nische. Die Autorenschaft ist divers besetzt: Die junge schwarze Radiomoderatorin Hadija Haruna-Oelker und der ältere weiße Featuremacher Lorenz Rollhäuser – so stellt er beide in der subjektiven Erzählweise selbst vor – haben Redaktionen besucht wie “Puls” vom BR und Entscheider*innen in den Sendern. Erfahren haben sie “in den langen Fluren mit Teppich” unter anderem, dass der BR ein neues Trainee-Programm aufgesetzt hat, um an der Statistik zu schrauben, die da derzeit heißt: Wer für den Sender arbeitet, ist im Schnitt über 50 und weiß – während in der Bundesrepublik bald jeder Dritte eine “Migrationsgeschichte” hat.

Journalist*innen, die einen solchen reichen gesellschaftlich-kulturellen Hintergrund mitbringen und bereits für die Sender arbeiten, berichten wiederum davon, dass in Redaktionskonferenzen sich alles am klassisch-deutschen Wunsch-Publikum orientiere “etwa der 33-jährigen Sabine”. Und sie erzählen, dass Sie sich wie ein “Programmfehler” fühlen, der dazu führte, dass sie plötzlich doch in einem Sender arbeiten. “Aber dieses System ist nicht für mich vorgesehen. Die Strukturen sind nicht für mich gemacht.” Bilden die öffentlich-rechtlichen Sender also personell wie programmlich überhaupt die Realität ab? Die 53 Minuten sind ursprünglich im Deutschlandfunk Kultur erschienen – in der Themenreihe mit dem passenden Titel: “Dekolonialisiert Euch!” Das ist letztlich auch die Botschaft dieser hörenswerten Produktion.

Beta-Version der “Tagesschau”-Seite: ARD droht neuer Ärger mit Verlagen

  • Die “Tagesschau” hat eine Beta-Version ihres künftigen Digitalauftritts veröffentlicht.
  • Für den Verlegerverband BDZV sind “auf den ersten Blick” Texte zu dominant.
  • Zeitungsverlage prüfen nun und werden “dann sicher auch das Gespräch mit der ARD suchen”.

In der Debatte darüber, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein soll und was nicht, lobbyieren auch private Medien. Verlage, vor allem von Tageszeitungen, haben seit vielen Jahren vor allem ein Problem mit der Digitalpräsenz der “Tagesschau”. Über diese große Schlacht, zu der auch eine Klage gehört, hatte ich u.a. in “Panorama” berichtet. Der Präsident des Verlegerverbandes BDZV und Vorsitzende des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, warnte vor einer “mittelfristig deutliche[n] Schieflage gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland.”

Zuletzt haben sich die Intendant:innen mit den Verlagen im Sommer 2018 geeinigt. Das hat erst nach mehreren Versuchen geklappt und unter Vermittlung der Länder. Das Ergebnis ist eine Überarbeitung des damaligen Rundfunk- und heutigen Medienstaatsvertrags. Dort heißt es nun in § 30 (7):

“Die Telemedienangebote dürfen nicht presseähnlich sein. Sie sind im Schwerpunkt mittels Bewegtbild oder Ton zu gestalten, wobei Text nicht im Vordergrund stehen darf. Angebotsübersichten, Schlagzeilen, Sendungstranskripte, Informationen über die jeweilige Rundfunkanstalt und Maßnahmen zum Zweck der Barrierefreiheit bleiben unberührt. Unberührt bleiben ferner Telemedien, die der Aufbereitung von Inhalten aus einer konkreten Sendung einschließlich Hintergrundinformationen dienen, soweit auf für die jeweilige Sendung genutzte Materialien und Quellen zurückgegriffen wird und diese Angebote thematisch und inhaltlich die Sendung unterstützen, begleiten und aktualisieren, wobei der zeitliche und inhaltliche Bezug zu einer bestimmten Sendung im jeweiligen Telemedienangebot ausgewiesen werden muss. Auch bei Telemedien nach Satz 4 soll nach Möglichkeit eine Einbindung von Bewegtbild oder Ton erfolgen. Zur Anwendung der Sätze 1 bis 5 soll von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den Spitzenverbänden der Presse eine Schlichtungsstelle eingerichtet werden.”

Diese Passage interpretiert jeder Akteur für sich. Teile des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und hier allen voran die “Tagesschau” leiten daraus auch eher weiche Regeln ab, die gerade in der tagesaktuellen Berichterstattung gezielt viel Raum für Texte lassen – solange es den sogenannten Sendungsbezug gibt, den die “Tagesschau” im Zweifel auch in Radiosendern bis hin zum Deutschlandfunk findet und entsprechend unter den einzelnen Texten ausweist.

Verlage sehen wiederum für die Sender die Pflicht, sich bei Texten zurückzuhalten und – wenn sie mehr als eine Meldung, ein Programmtext oder ein Text mit “Wir über uns”-Charakter sind – allenfalls zur barrierefreien Nutzung als Nebenprodukte auf die Seiten zu stellen. Wer in erster Linie Informationen lesen wolle, der solle nun mal auf Verlagsseiten kommen – und dafür bestenfalls zahlen.

In den vergangenen Jahren haben sich Verlage nicht mehr offensiv über öffentlich-rechtliche Textangebote beschwert. Doch nun droht neuer Ärger. Die “Tagesschau” überarbeitet derzeit ihr Angebot. Auf beta.tagesschau.de lässt sie Nutzer:innen in die Zukunft blicken. Flankierend notierte Juliane Leopold, die in der Chefredaktion von ARD-aktuell zuständig ist fürs Digitale, im “Tagesschau”-Blog:

“Video- und Audio-Inhalte wollen wir zeitgemäßer präsentieren […].”

Tatsächlich zeigt ein Vergleich der aktuellen und der avisierten Seite: Der Anteil an Audio/Video hat sich (bislang) nicht verändert. Auf der Startseite verbergen sich die Videos ebenso hinter kleinen Audio/Video-Icons am Rande der Bilder. In den Artikelseiten sind sie ebenso in Texte integriert.

Die künftige tagesschau.de befindet sich wohlgemerkt aber noch in einem Beta-Stadium. Der Mix an Text und Audio/Video kann sich also bis zur finalen Version noch ändern. Leopold schreibt selbst:

“In der Beta-Version ist vieles von dem zu sehen, was die neue tagesschau.de ausmachen soll – auch eine neue, knallige Auszeichnungsfarbe für Live-Inhalte. Manches zeigt die Beta-Version aber noch nicht.”

Und wie sieht der Verlegerverband BDZV aktuell diese Beta-Version des künftigen “Tagesschau”-Angebots? Er nimmt die Überarbeitung offensichtlich zum Anlass, tagesschau.de neu zu bewerten. Eine Sprecherin teilte mir mit:

“Auf den ersten Blick gibt es zu jedem filmisch aufgegriffenen Thema immer auch einen gleichberechtigt angezeigten, umfangreichen Textbeitrag; daneben aber ebenso zahlreiche reine Textbeiträge beziehungsweise Beiträge, bei denen Audio und/oder Video bloß Beiwerk sind. Das werden unsere Mitglieder prüfen und dann sicher auch das Gespräch mit der ARD suchen.”

Interessant an der Debatte ist unter anderem die Frage, wie wichtig Texte für den Erfolg und die Akzeptanz der Angebote sind. Dazu hatte NDR-Onlinejournalist Andrej Reisin seinerzeit – ja, richtig – notiert:

“Was, wenn die Beitragszahler nicht das bekommen, was sie eigentlich erwarten? Wie schon bei den aus Sicht der Nutzer überaus nervigen “Verweildauern” und “Depublikationen” dürfte den meisten nicht bewusst sein, warum öffentlich-rechtliche Beiträge für die sie aus ihrer Sicht bereits bezahlt haben, aus den Mediatheken und Online-Angeboten verschwinden – oder warum der Rundfunk sich im Netz textlich limitiert. Für die ARD wäre es mit Textbeschränkungen in Zukunft sehr viel schwieriger, sich im aktuellen Online-Nachrichtengeschäft zu behaupten.”

Verleger (kein :innen, die BDZV-Spitze ist bislang eine rein männlich Runde) argumentieren wiederum genau andersherum: Hätte die ARD mit Texten zu großen Erfolg, würde wohl kaum einer für die Angebote der Zeitungen im Netz bezahlen. Diese Debatte dürfte nach dem Frieden vor zwei Jahren wieder aufbrechen.

Im Verlegerverband dürfte man auch beobachten, wie tagesschau.de wächst. So wurde etwa das Angebot Boerse.ARD.de gerade integriert. Die “Tagesschau” gehört zudem zu den “Big Five”: den fünf großen Marken (neben der “Sportschau”, Mediathek, Audiothek und dem KiKa), die in der ARD nun zentral sind und gestärkt werden, während andere Marken eher zurückgefahren oder in diese “Big Five” integriert werden. tagesschau.de soll also besonders erfolgreich werden. Und wie sagte schon Döpfners Vorgänger als BDZV-Präsident, der Kölner Verleger Helmut Heinen, in unserem “Panorama”-Beitrag? “Solange sie nicht Platz 10 überschreiten, haben wir nichts dagegen. Aber wenn sie das dann tun sollten, muss endgültig Schluss sein.”

Eher im Verleger-Sinne ist vor allem die Aufbereitung des ZDF auf heute.de mit der Kacheloptik. Der NDR hat bei einem jüngsten Update seines Onlinedesigns zudem Videos prominenter platziert:

Links die heute-Seite des ZDF mit der Kacheloptik, rechts ein prominenter platziertes Video auf einer Artikelseite des NDR.

Vor allem der WDR achtet seit einigen Jahren darauf, dass seine Texte nicht sonderlich lang sind. Auch im Onlineangebot des BR fällt das oft auf. So gilt auch bei der Aufbereitung der Telemedienangebote in der ARD nicht unbedingt der frühere Claim “Wir sind eins”.