Presseschau 5.1.2021: Selbstkritik der Länder, Rundfunkgebühren in aller Welt, das Schirach-Problem der ARD

Markus Kurze, der medienpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Sachsen-Anhalter Landtag, hatte das ganz offen gesagt [Archiv, “ZAPP”-Interview]: Man habe jahrelang auf eine Reform des öffentlich-rechtlichen Systems gedrungen, dafür im Länderkreis aber keine Zustimmung erhalten – auch deshalb stoppe man das 16:0-Verfahren für die Erhöhung des Rundfunkbeitrags, “um zu sagen: Liebe Leute, macht mal was”.

Im Länderkreis ist inzwischen auch offen das Bedauern groß. CDU-Politiker Oliver Schenk, der die sächsische Staatskanzlei leitet und die Medienpolitik der unionsgeführten sogenannten B-Länder koordiniert, sagt in der FAZ (bislang nur Print):

“Ich finde es (…) nicht gut, dass wir uns für diese wichtigen Entscheidungen bisher zu viel Zeit gelassen haben und bis heute keine einvernehmliche Lösung finden konnten. Die Modernisierung des Auftrags spielte bei den Debatten in den Landtagen und den damit verbundenen Anhörungen eine wichtige Rolle, und viele Abgeordnete haben formuliert, dass sie eine Zustimmung zur Beitragserhöhung mit der Erwartung an eine zeitnahe Reform des Auftrages und größeren Sparanstrengungen der Anstalten verbinden. Es ist deshalb für die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wichtig, dass diese Frage jetzt ganz oben auf der medienpolitischen Agenda der Länder steht.”

Zur Frage, wie es nun weitergeht, legt Schenk die Strategie der Länder offen: Die 15 Länder, die für die von der Finanzkommission KEF empfohlenen Erhöhung des Beitrags um 86 Cent pro Haushalt im Monat auf 18,36 Euro sind, werden sich vor dem Bundesverfassungsgericht gemeinsam vertreten lassen und weiter geschlossen für die Beitragsanpassung argumentieren. Bremen und das Saarland werden zudem mit eigenen Stellungnahmen in dieselbe Richtung argumentieren. “Ihren” Sender – Radio Bremen und der Saarländische Rundfunk – sind besonders auf Kante genäht. Sie werden mit einem internen Finanzausgleich von anderen ARD-Anstalten gestützt. Dieser sollte – zugunsten der kleinen Sender – zusammen mit dem Rundfunkbeitrag ein Update bekommen, wurde aber mit blockiert, da er Teil desselben Pakets war.

Der Argumentation des ebenfalls von der CDU (mit)geführten Sachsen-Anhalt, Corona sei für die Bürger*innen eine zu starke Belastung und deshalb müsste die KEF den Beitrag neu berechnen, kann Schenk nur bedingt etwas abgewinnen. Natürlich könne die KEF entsprechend beauftragt werden, doch der (verfassungsrechtliche) Anspruch auf die sogenannte bedarfsgerechte Finanzierung bleibe. Zudem lässt er klar erkennen, dass eine Neuberechnung für die Kritiker der Beitragserhöhung auch nach hinten losgehen könnte:

“Wer die vorgesehenen 18,36 Euro in Frage stellt, geht das Risiko ein, eine höhere Empfehlung zu erhalten, weil auch die Öffentlich-Rechtlichen von der Pandemie betroffen sind, sei es durch höhere Produktionskosten oder geringere Werbeeinnahmen. Hinzukommen dürfte eine zunehmende Zahl von Befreiungen oder Ermäßigungen.”

Bei der Frage, wie nach den jüngsten Erfahrungen in der Medienpolitik künftig die Länder und Landtage beteiligt werden sollten, wirbt Schenk für eine Lockerung: Er stellt das Prinzip infrage, dass Änderungen im Rundfunk alle Länder einstimmig zustimmen müssen. Die Landtage entmachten will er aber nicht. Im Gegenteil:

“Die Bedeutung und Rolle der Landtage liegt bei der Bestimmung und Formulierung des Auftrags, so zum Beispiel darüber, welche Programme beauftragt und welche durch die Anstalten flexibel gestaltet werden sollen. Die Festlegung des Auftrags ist eine politische Aufgabe, und hier müssen die Landesparlamente stärker und früher einbezogen werden.”

Schenk plädiert in dem Gespräch mit der FAZ auch dafür, dass die Sender noch weiter sparen. Angesichts von 32 Milliarden Euro, die in der neuen Beitragsperiode (2021-2024) in das System fließen sollen, seien trotz erkennbarer Bemühungen wie dem 300-Millionen-Sparpaket des NDR die Möglichkeiten “sicher noch nicht ausgeschöpft”. In dem Interview, das Helmut Hartung von medienpolitik.net geführt hat, spricht Schenk auch über die Berichterstattung der Sender über Ostdeutschland, die er auch nicht optimal findet. Ein Hardliner wie Markus Kurze ist er bei dieser Kritik allerdings nicht.

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Einige Zeitungen, darunter etwa der “Nordkurier” (bislang nur Print), haben eine Übersicht der dpa veröffentlicht: “Rundfunkbeiträge im Ausland – Die Regelungen in anderen Ländern” (hier bereits vor ein paar Tagen veröffentlicht vom RND). Was sich zeigt: In einigen Ländern sind die Beiträge bzw. Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sogar gesunken. In der Schweiz, aber etwa auch in Dänemark. Und: In Österreich ist zudem Standard, was hierzulande bislang auf kleiner Flamme diskutiert wird [Archiv “Spiegel”]. Dort fallen unterschiedliche Gebühren an, je nach Bundesland. Was diese Übersicht vermissen lässt: Wie sich die Angebote verändert haben, wenn die Finanzierung runtergefahren wird. So bleibt der eher technische Eindruck zurück: Es geht auch mit weniger. Unklar ist, welchen Preis das wiederum hat.

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22 Prozent. Diese “Traumquote” holte sich das Erste am Sonntag mit dem Großprojekt “Feinde” (Ferdinand von Schirach). Kulturredakteur Oliver Reinhard arbeitet sich in der “Sächsischen Zeitung” [€] an dem Projekt reichlich ab: Der zweite Teil, der die Handlung nicht aus der Perspektive des Ermittlers sondern des Anwalts erzählt, sei “einigermaßen überflüssig” gewesen, da ohne “besonderen Mehrwert”. Reinhard fällt auch auf, dass der Verdächtige sächselte und fragt: “Warum eigentlich?”

Seine Kritik trägt sogar die Schlagzeile “Herr Schirach wird zum Problem der ARD”. Reinhard geht es dabei nicht um das Inhaltliche oder Schauspielerische. Ihm geht es um die Opulenz des Projekts an sich, die nebenbei bemerkt in sozialen Netzwerken manchem als Beleg für eine vermeintliche “Gleichschaltung” der ARD dient, da ja auch die Dritten am Sonntagabend als Abspielfläche in das Projekt eingebunden waren. Reinhard notiert jedenfalls:

“Was die Programmplaner vor Monaten freilich nicht wissen konnten: Dieser in Form und Dimension eher unsinnige Schirach-Overkill landete ausgerechnet zur absoluten Unzeit für das Erste. Nämlich kurz nach dem Scheitern des ersten Beitragserhöhungs-Versuchs durch die ausgesetzte Abstimmung darüber im Landtag von Sachsen-Anhalt. Und mitten in der Diskussion darüber, ob diese Erhöhung wirklich gerechtfertigt wäre angesichts des aufgeblasenen Öffentlich-Rechtlichen Apparats und lauter werdenden Zweifeln daran, wie sinnvoll dessen Dimensionen heute eigentlich noch sind. Den Feinden der Beitragserhöhung dürfte das ‘Feinde’-Dilemma der ARD jedenfalls willkommen sein.”